Interview 3/2025

Wir wollen nicht mit erhobenem Zeigefinger Mahnungen aussprechen, sondern Angebote zur Beschäftigung mit der Geschichte machen.

Ein schriftliches Gespräch mit Lind Erker, Leitung der Abteilung Public History am Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, zu Herausforderungen und Chancen des Otto Wagner Areals, ein Ort des Erinnerns. 
Seit über zwei Jahrzehnten erinnert das DÖW – Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes mit der Ausstellung im Pavillon V an die NS-Medizinverbrechen, die am Areal begangen wurden. Was waren zentrale Herausforderungen und Erkenntnisse in dieser langjährigen Arbeit?
Um so ein Projekt überhaupt starten zu können, war zunächst einmal Grundlagenforschung notwendig. Da haben die Kollegen rund um unseren ehemaligen Leiter Wolfgang Neugebauer auf jahrelange Arbeit zurückgreifen können, teils vereinzelte Ergebnisse zusammengetragen und so eine größere Geschichte erzählt. Eine spezielle Herausforderung bestand in den ersten Jahren, also ab der Errichtung 2002, sicher darin, dass die Arbeit während des laufenden Spitalbetriebs passiert ist. Die Kuratoren mussten die Ausstellung in die Geschichte des Orts einbetten, also die Verantwortung von Medizin an einem Ort zeigen, an dem die Medizin noch in der Verantwortung ist. Heute gibt es viele Erkenntnisse zu Opfern, Täter:innen und Funktionsweisen der NS-Medizinverbrechen, aber immer noch viel Forschungsbedarf. Das betrifft etwa Kontinuitäten nach 1945, sowohl was den Kontext des Personals betrifft als auch die Stigmatisierung der ehemaligen Patient:innen.
 
Inwiefern verändert sich die Bedeutung des Ortes – auch in der öffentlichen Wahrnehmung – durch die wachsende Öffnung des Otto Wagner Areals?
Der grundlegende Wandel ist schon passiert. Es ist jetzt kein Spital mehr, und damit auch kein Ort mehr, der aus unterschiedlichen Motiven exklusiv war, sondern es soll ein offenes Areal werden. Es ist sinnvoll, den Ort mit Leben und Aktivität zu füllen, aufgrund der historischen Bedeutung ist aber auch wichtig, dass diese erklärt wird. Für Institutionen wie unsere heißt das aber auch, dass wir uns neue Formate für ein neues Publikum überlegen müssen. Wir wollen dabei nicht mit erhobenem Zeigefinger Mahnungen aussprechen, sondern Angebote zur Beschäftigung mit der Geschichte machen.
 
Wie greifen die Ausstellung, die neuen Straßennamen am Areal und die Geländerundgänge, räumliche Spuren der Geschichte auf?
Wir befinden uns am OWA an einem Ort von Verbrechen und Widerstand, das spiegelt sich auch jetzt schon in unseren Aktivitäten wider. Dabei gibt es verschiedene Ansätze, mit den temporären Straßennamen können wir zum Beispiel fünf sehr unterschiedliche Personen mit sehr unterschiedlichen Anknüpfungspunkten zu dem Gelände über Biografien erzählen – von der als Schlurf verfolgten jungen Frau bis zur Fürsorgerin. Bei der Ausstellung im Pavillon V ist die Verortung alleine schon durch den Ort gegeben, der den Besucher:innen sehr präsent wird. Und unsere monatlichen Rundgänge passieren auch im Dialog, wir wollen in einem Austausch mit Leuten sein, die ihre eigenen Geschichten und Assoziationen zum Gelände mitbringen und teilen können.
 
Gibt es konkrete Überlegungen, wie das DÖW künftig im Areal baulich, räumlich oder programmatisch verankert sein wird?
Wir werden hier in allen Bereichen verankert sein. Das reicht von den sichtbarsten Dingen wie Veranstaltungen, Ausstellungen und Arealführungen über unser klassisches Angebot zu Archiv- und Bibliotheksbesuchen bis zu weniger augenscheinlicheren Dingen wie unserer Forschung und unserem Back-office. Allein schon unsere Räumlichkeiten im Pavillon 15, also an dem Ort, in dem fast 800 als behindert, physisch oder psychisch krank abgestempelte Kinder ermordet wurden, werden dafür sorgen, dass das Thema Medizinverbrechen für uns sehr präsent bleibt. Und hoffentlich werden aus den temporären Straßenschildern ja auch einmal permanente Benennungen.
 
Im Rahmen unseres Programmschwerpunkt „Through the Dark“ haben wir schon mehrfach kooperiert. Welche thematischen Überschneidungen seht ihr zwischen eurer Arbeit im DÖW und den kuratorischen Zugängen des Volkskundemuseums?
Unsere Zugänge, Geschichte zu erzählen, sind oft ähnlich. Das trifft auf Biografien wie Objekte zu, aber auch auf Themen wie „Alltag“. Es gibt aber noch eine Dimension neben den inhaltlichen Überschneidungen: Wir lernen von eurer Gastfreundschaft und eurem offenen Zugang sehr viel. Dadurch entsteht ein produktiver Austausch, der noch dazu große Freude macht.
 
Inwiefern können institutionelle Partnerschaften wie diese dazu beitragen, historische Erinnerung kollektiv weiterzutragen und neu zu verhandeln?
Gemeinsam erreichen wir sicher neue Zielgruppen, das gilt für beide. Außerdem ordnet man zumindest aus zwei Perspektiven ein und macht diese sichtbar. Ich glaube ja ohnehin, dass fast jede Auseinandersetzung ein Thema aufwertet, gemeinsam ist das nur noch schöner. Bei unserem Minute Museum of Resistance (Programmpunkt des 2. Mikrofestivals im Mai 2025 zum Thema Widerstand) hat man auch sehr plastisch gesehen, wie dialogisch Erinnerung ist. Und wir haben dabei viel voneinander erfahren – über die Objekte, über das Areal, über unsere Sammlungen.
 
Was bedeutet Erinnerungsarbeit im Jahr 2025 – in einer Zeit, in der immer weniger Zeitzeug:innen leben?
Unser Ansatz baut auf mehreren Säulen wie Bildungsarbeit, Forschung und Dokumentation auf. Eine Möglichkeit der Vermittlung besteht darin, aus Erzählungen und Objekten von anderen neues zu entwickeln und damit Anknüpfungspunkte für das jeweilige Zielpublikum zu schaffen. Im Austausch mit Zeitzeug:innen bieten sich heute leider viel weniger Möglichkeiten als zum Beispiel noch vor 20 Jahren. Damit gehen Perspektiven von direkt Betroffenen verloren. Das ist nicht nur beruflich bedauerlich, sondern auch persönlich – es fehlen dann einfach Menschen.
 
Wie geht das DÖW mit aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen um – etwa wachsendem Antisemitismus, rechter Gewalt oder Faschismus?
Wir betreiben sehr viel Forschung und Monitoring in dem Bereich, wir beobachten und benennen aktuellen Rechtsextremismus in all seinen Facetten. Unsere Erkenntnisse teilen wir mit unterschiedlichsten Zielgruppen auf vielfältige Arten. Das Spektrum reicht von Präventionsworkshops über Studien wie das Rechtsextremismusbarometer bis hin zum Rechtsextremismusbericht, den wir im Auftrag von Innen- und Justizministerium schreiben. Wir beteiligen uns an der wissenschaftlichen Debatte genauso wie an Veranstaltungen für eine breitere Öffentlichkeit im Kunst- und Kulturbereich.
 
Was können junge Menschen am Otto Wagner Areal lernen – über die Vergangenheit, aber auch über gesellschaftliche Verantwortung in der Gegenwart?
Das naheliegende Thema betrifft an diesem Ort die Verantwortung von Medizin. Dabei geht es um den Missbrauch von Verantwortung und die Folgen davon ebenso wie um ethische Fragen über den Wert und vermeintlichen Unwert von Leben. Diese Fragen stellen sich für das DÖW speziell im Kontext des Nationalsozialismus und seiner Folgen, das Thema geht hier aber über diese Zeitspanne hinaus. Der Ort kann ja sehr viel über die Veränderungen von medizinischen Konzepten über einen längeren Zeitraum erzählen. Diese betreffen auch nicht nur die Ethik, sondern auch so etwas wie Räume und bauliche Begebenheiten. Allein schon die Positionierung auf einem Hügel an den Ausläufen der Stadt wirft die Frage auf, wie eine Gesellschaft mit Krankheit umgeht, wo sie ihr Platz zuteilt und so weiter. Dazu können aber nicht nur junge Menschen etwas lernen, diese Fragen betreffen uns alle.
 
Die Fragen stellten Johanna Amlinger und Gesine Stern.
 
Linda Erker leitet die Abteilung Public History am Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. Forschungsschwerpunkte der Zeithistorikerin sind die Universitäten in Austrofaschismus und Nationalsozialismus sowie die Flucht von Nationalsozialisten nach Lateinamerika.

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Volkskundemuseum Wien
Otto Wagner Areal, Pavillon 1
Baumgartner Höhe 1, 1140 Wien

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