Die Küsten Österreichs

Die neue Schausammlung des Volkskundemuseum Wien

Mi, 19.09.2018 – So, 31.01.2044
: Die Küsten Österreichs © Julia Gaisbacher (Foto) / Christoph Höbart, dform (Bildbearbeitung)
Überarbeitete Dauerausstellungen sind in den ethnologischen Museen Europas zurzeit ein Muss. Im Museum in der Laudongasse hat eine Gruppe von externen Kurator*innen – alle im Asylverfahren – aber nicht nur ein Update der bestehenden Sammlung gemacht, sondern auch einen neuen Objektbestand eingearbeitet.
„Die neue Schausammlung“ ist der Moment der institutionellen Ankunft, der Selbstvergegenwärtigung des Museums, das ideelle Ziel musealer Sammlungen. Im Volkskundemuseum Wien kam man zuletzt im Jänner 1994 an. Präsentiert wurde eine deutliche Entkoppelung der Objekte von erwartbaren Konzepten wie Regionalität, Technik oder Chronologie. Diese Dekonstruktion volkskundlichen Erzählkanons rief zahlreiche gegenläufige Reaktionen hervor.

Die Ethnologie als Volkskunde (Europäische Ethnologie) ebenso wie als Völkerkunde (Sozial- und Kulturanthropologie) sind historisch stark verstrickt in die Herstellung und Verbreitung von Rassismen und völkischen Vorstellungen. Damit haben sie zu den politischen Katastrophen des 19. und 20. Jahrhunderts beigetragen. Ihre kritische Wende seit Mitte des 20. Jahrhunderts erscheint heute massiv gefährdet, angesichts der Renaissance von Neo-Nationalismus, Rechtspopulismus und Identitätspolitik. Was also tun mit Sammlungen, die von der wissenschaftlichen Intention, über die Gesten des Sammelns bis hin zum Eigensinn ihrer Dinge trunken sind von letztlich völkisch gedachter Identität? 1994 hatte man sich für die Brandlöschung entschieden. Die umfangreiche Trachtensammlung wurde aussortiert und im Depot verräumt.

Angesichts der Verwerfungen der Gegenwart drängt sich die Frage auf, was in den Archiven der Zukunft von dieser zu lesen sein wird. Welchen Beitrag kann eine Ethnologie des 21. Jahrhunderts dazu leisten, die post-nationalen, geopolitischen Kämpfe, die an den Außengrenzen Österreich-Europas dieser Tage toben und die zum Teil mit den Grenzen der habsburgischen Sammlung des Volkskundemuseum ident sind, für die Zukunft zu dokumentieren? Wie können die für das 21. Jahrhundert so einflussreichen Grenzregimekämpfe, die heute zentraler Brennpunkt der kritischen Migrationsforschung sind, Eingang finden in die beschaulichen, historischen Archive der Volkskunde?

Das Volkskundemuseum Wien hat im Jahr 2017 begonnen, diesen Fragen Raum zu geben. Nicht ein weiteres „Weltmuseum“, das Mondialität behauptet, die eigene Sammlung und die eigenen Narrative aber scharf bewacht, dient als Arbeitshypothese. Vielmehr ist es ein „Museum der Weltlosen“, das als Vision für eine vielfältige Beschäftigung im Bereich von Sammeln, Bewahren und Zeigen dient.

Ephemere Fluchtobjekte, die entlang der Routen des „Langen Sommer der Migration 2015“ eingesammelt wurden, bilden den Grundstock des neuen Sammlungsbestandes „Museum der Weltlosen“. Erstmals haben einige von ihnen im Rahmen der WIENWOCHE 2018 nun Eingang in die Schausammlung des Hauses gefunden. Dort setzen sie sich, durchaus eigensinnig, in ein Verhältnis zu den gezeigten Exponaten.

Als relevante Artefakte der österreichischen Volkskunde gelten neben Kleiderschränken aus Tiroler Bauernhäusern nun auch gepackte Reisetaschen, die bei der Mittelmeerüberfahrt zurückgelassen werden mussten. Die neuen Objekte legen Zeugnis dafür ab, wie Europa und Österreich zu Beginn des 21. Jahrhunderts funktionieren. Vielleicht bringen ja gerade diese Sammlungsstücke – gefunden an den Küsten Europas – den Museen ihre ersehnte europäische Identität ein. Denn dort, wo Regierungen und Grenzschutz die Schotten dicht machen wollen, hat Europa so klare Konturen wie nirgendwo sonst.


Kurator*innen-Kollektiv
Yarden Daher, Alexander Martos, Negin Rezaie, Ramin Siawash, Niko Wahl, Sama Yasseen, Reza Zobeidi

Die Küsten Österreichs ist ein Projekt im Rahmen des Collegium Irregulare, einem Fellowship-Programm für hochqualifizierte Asylwerber*innen von Science Communications Research.
Zum Projekt Museum auf der Flucht

Produktion
WIENWOCHE in Kooperation mit Volkskundemuseum Wien
Weitere Informationen zur WIENWOCHE 2018: www.wienwoche.org

Das Begleitbuch zur Ausstellung ist ab 18. September 2018 über das Volkskundemuseum Wien zu beziehen und online einsehbar. (Zu den Publikationen)


//  for the English version please scroll down //


BEGLEITPROGRAMM

Pressekonferenz
Mo, 10.9.2018, 10.00 Uhr

Eröffnung
Di, 18.9.2018, 19.00 Uhr
Mit Veronica Kaup-Hasler, Stadträtin für Kultur und Wissenschaft und
Matthias Beitl, Direktor Volkskundemuseum Wien
im Gespräch mit den Kurator*innen


Filmscreening
Mi, 19.9.2018, 19.00 Uhr
„Escape from Syria: Rania's Odyssey“
von Rania Mustafa Ali und Anders Hammer
Anschließend Gespräch mit der Regisseurin Rania Mustafa Ali
Eintritt frei

Kurator*innenführungen
Do, 20.9.2018, 17.00 bis 19.00 Uhr
Eintritt frei

Let´s talk and create!
Sa, 22.9.2018, 14.00 bis 17.00 Uhr
Jugendliche Geflüchtete aus Afghanistan und Tschetschenien laden Kinder und Jugendliche
zu interaktiven Ausstellungsgesprächen ein.
Eintritt frei


KULTURVERMITTLUNG

Sonntagsführung
31.3.2019
30.6.2019

28.7.2019
jeweils 15.00 Uhr

Kosten: Eintritt + € 4,- Führungstarif

Vermittlungsprogramm für Gruppen und Schulklassen
Was heißt eigentlich „Migrationshintergrund“?
Ausstellungsgespräch
Ab 12 Jahren
In die bestehende Dauerausstellung sind seit kurzem Objekte integriert, die von Flucht und Ankommen erzählen. Wie stehen die Begriffe Ethik und Moral in Verbindung mit Flucht und was heißt es, Migrationshintergrund zu haben? Diesen Fragen werden wir uns spielerisch annähern und erforschen, wie sich Migration historisch entwickelt hat. Bei einem Ausstellungsrundgang zeigen wir auf, wie Grenzen früher und heute Zugehörigkeiten definieren und wie Menschen damit umgehen.
Dauer: 90 Min
Kosten: € 4,50 pro Person
Termine nach Vereinbarung
Weitere Informationen

ANMELDUNG UND INFORMATION
kulturvermittlung@volkskundemuseum.at
oder +43 (0) 1 406 89 05.26


// English //

The Shores of Austria
The latest display collection of the Austrian Museum of Folk Life and Folk Art


In 2015, (refugee)history was written along Europe’s external and internal borders. During this year’s WIENWOCHE 2018, this history becomes a part of the permanent exhibition at the Austrian Museum of Folk Life and Folk Art.

¡Hola Banana! is printed on a brown cardboard box – inside it is children’s clothing sized 80 to 86. A transit relic of refugees in Austria in the year 2015. In the course of WIENWOCHE, this story becomes a fixed part of the exhibit at the Austrian Museum of Folk Life and Folk Art.

Revised permanent exhibitions are currently a must in Europe’s ethnological museums. In the museum in Vienna’s Laudongasse, a group of external curators – all currently undergoing the asylum process – have not only updated the existing collection but also incorporated a new collection of objects. Right next to traditional wardrobes from Tyrolean farmhouses, packed travel bags that had to be left behind while crossing the Mediterranean become relevant artefacts of Austrian cultural anthropology. The new exhibits bear witness to how Europe and Austria function at the beginning of the 21st century.

A broken life jacket as a museum piece? To a large extent, collection objects of ethnology are “genuinely worthless”, the curatorial team explains. “An object gets its collectible value only through interpretation and contextualisation.” Perhaps these collection pieces found on the coasts of Europe will be the ones that bring museums their desired European identity. For where governments and border patrols want to batten down the hatches, Europe has such clear contours as nowhere else.

Curated by
Yarden Daher, Alexander Martos, Negin Rezaie, Ramin Siawash, Niko Wahl, Sama Yasseen, Reza Zobeidi
 
Collegium Irregulare is a fellowship programme for highly qualified asylum seekers hosted by the artistic/science platform Communications Research. The first fellowships were realised as part of the project ‘Museum on the Run’ at the Austrian Museum of Folk Life and Folk Art in Vienna. During the process, a collection of ephemeral objects related to fleeing was established which raise questions concerning 21st-century ethnology.
 
Production
WIENWOCHE in co-operation with the Austrian Museum of Folk Life and Folk Art
Further information about WIENWOCHE 2018: www.wienwoche.org
Volkskundemuseum Wien
Laudongasse 15–19, 1080 Wien

T: +43 1 406 89 05
F: +43 1 408 53 42
E: office@volkskundemuseum.at
W: www.volkskundemuseum.at

Öffnungszeiten
Museum:
Di bis So, 10.00 bis 17.00 Uhr
Do, 10.00 bis 20.00 Uhr
Bibliothek:
Di bis Fr, 9.00 bis 12.00 Uhr
Juli und August geschlossen

Hildebrandt Café:
Sommeröffnungszeiten
Di und So, 10.00 bis 18.00 Uhr
Mi bis Sa, 10.00 bis 23.00 Uhr

Mostothek:
Di, ab 17.00 Uhr
August geschlossen


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